Die Örtlichkeit

Mittendrin im Abseits – Das Seidene Strümpfchen in der Innenstadt

Armes Seidenes Strümpfchen: Eigentlich ist es völlig kaputt. Das waren die Bomben im Zweiten Weltkrieg: Am Seidenen Strümpfchen haben sie alle Renaissance-Häuser zerstört. Und so liegt es da, ganz entleibt, mitten in der Stadt im Abseits. Kein einziger Hauseingang; nur schartige Rückansichten, olle Hinterhöfe, schäbige Autoabstell-Ecken. Wenigstens hat es einen schönen Namen. Woher der kommt, bleibt im Dunkeln. Im Häuserverzeichnis von 1605 hieß es noch „im engen Gässlein nach der Mauer zu“. Der kesse Name erscheint erstmals 1889 auf der Stadtkarte. 1911 steht es als „Seidenes Strümpfchen“ auch in Straßenverzeichnis und Adressbuch.

Haben die Kasseler das Seitenstümpfchen, das diese schmale strumpfartige Gasse nun einmal ist, weitergedichtet zum Seidenstrümpfchen? Hissten hier Huren Seidenstrümpfe – Signal für Freier? Ein Strumpfhändler jedenfalls hat hier – nach Recherchen des Heimatforschers Paul Heidelbach – nie gewohnt und verkauft. Die Eheleute Vesper führten im Seidenen Strümpfchen jahrzehntelang einen Gemüse- und Holzkleinhandel.

In der Ecke links hinten zur Turmgasse stand von 1749 bis zum Abriss 1823 das so genannte Stockhaus, ein Gefängnis, in dem die Häftlinge angekettet waren. Im Gässchen waren zu verschiedenen Zeiten Gastwirtschaften: „Zum Heiligen Geist“ (im Eckhaus links vorn), die Stammkneipe der Soldaten und Kutscher war „Zur Patronentasche“ (Eckhaus hinten rechts), „Zu den drei goldenen Äpfeln“, Treffpunkt der Schneidergesellen (Eckhaus vorn rechts). Das Eckhaus vorn links war von 1760 bis 1874 das Lutherische Waisen- und Armenhaus: Wie das passt: mittendrin im Abseits.